Wenn das "kids Team" tagt

Das „Kids Team“ – in der Kinder- und Jugendwohngruppe Friedeburg der meracon gGmbH ist es bereits seit vielen Jahren fester Bestandteil der Wochenstruktur. Doch worum geht es dabei eigentlich genau? Wie verläuft ein „typisches“ Kids Team und was sagen und denken die Bewohner*innen darüber? Pascal Elfreich hat die Antworten.


Grundsätzlich findet das Kids Team in der Kinder- und Jugendwohngruppe Friedeburg am Sonntag nach dem gemeinsamen Abendessen statt. Dadurch kann gewährleistet werden, dass in der Regel alle Bewohner*innen im Haus sind und somit teilnehmen können. Neben den Kindern und Jugendlichen nimmt jeweils die diensthabende Fachkraft am Kids Team teil.

Grundlegende Idee des Kids Teams ist der Austausch zwischen den Bewohner*innen selbst und dem Team. Dafür wird den Jungen und Mädchen ein zeitlich konstanter Rahmen geboten, indem sie all das ansprechen können, was sie für sich als störend empfinden, anmerken möchten oder in anderer Weise auf dem Herzen haben.

Darüber hinaus bietet der hierfür fest eingerichtete Rahmen am Sonntagabend gute

Voraussetzungen, da zu diesem Zeitpunkt in der Regel alle Kids, die über das Wochenende bei Eltern, Freunden oder Bekannten waren, wieder zurück sind. Das vorangehende Abendessen bietet dabei schon einmal Gelegenheit, sich gegenseitig von den Erlebnissen des Wochenendes zu berichten und wieder in Ruhe in der Wohngruppe anzukommen. Auch die Kinder- und Jugendlichen, die das Wochenende in der Wohngruppe verbracht haben, können sich so zunächst wieder an „das volle Haus“ gewöhnen und sich gemeinsam mit den zurückgekehrten Bewohner*innen auf den neusten Stand bringen. Außerdem bietet der feste Zeitpunkt neben Struktur und Orientierung für die Kids auch den Vorteil, dass die diensthabende Fachkraft keine Termine begleiten, Telefonate führen oder andere Aufgaben des Arbeitsalltags erledigen muss und somit ausreichend Zeit und Ruhe für einen Austausch mit der Gruppe hat.

Dies ist von großer Bedeutung, denn wenn wir Kindern- und Jugendlichen die Möglichkeit geben möchten, mit der Gruppe und uns zu kommunizieren und eigene Ideen einzubringen, gilt es hierfür aus pädagogischer Sicht, Wertschätzung gegenüber den Kids zu zeigen. Ein unregelmäßiger Austausch, der nur bei Bedarf stattfindet, würde dies erschweren. Durch die Kontinuität wird hingegen deutlich signalisiert, dass es neben der Möglichkeit im Alltag Dinge anzusprechen, einen festen Rahmen zur Kommunikation zwischen den Kindern- und Jugendlichen selbst einerseits, sowie den Bewohner:innen und uns als Team andererseits gibt. Denn aus dem Blickwinkel einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit ist es wichtig zu beachten, dass eine langfristig ausgelegte Maßnahme, wie sie das Leben in einer Wohngruppe darstellt, bedingt, dass die Kinder- und Jugendlichen diesen Ort als ihr Zuhause wahrnehmen. Damit sich die Jungen und Mädchen in diesem wohlfühlen können, ist es wichtig, einen solchen Rahmen zur Kommunikation und Partizipation an gruppenrelevanten Themen zu schaffen.

Für das Kids Team wählen die Bewohner*innen der Wohngruppe Friedeburg eine „Kidssprecher*in“, die/der sein Amt solange ausübt, bis sie/er die Wohngruppe verlässt oder von den anderen Kindern und- Jugendlichen über einen anhaltenden Zeitraum eine Unzufriedenheit mit dem/der Kidssprecher*in wahrzunehmen ist.

Im Kids Team soll der/die Kidssprecher*in das Gespräch moderieren. Außerdem dokumentiert er/sie die Inhalte und Themen, die besprochen werden. Die diesbezügliche Protokollvorlage gibt dabei noch einmal eine Orientierung über den Ablauf und die Struktur.

Zunächst wird auf dieser festgehalten, wer am Kids Team teilgenommen hat, um eventuell nicht anwesende Jungen und Mädchen im Nachhinein über die Inhalte informieren zu können. Anschließend werden die Dienste für die kommende Woche zirkulär neu verteilt, bevor die Gruppe nach der Zufriedenheit mit dem/der Kidssprecher*in gefragt wird. Im Anschluss an diesen organisatorischen Rahmen gibt es dann die Möglichkeit, Anliegen, Beschwerden, Wünsche etc. offen zu äußern.


Auch außerhalb des Kids Teams kommt dem/der Kidssprecher*in eine wichtige Rolle in der Gruppe zu. Der/die hierfür gewählte Jugendliche dient für die anderen Bewohner*innen als Vertrauensperson und Ansprechpartner. So ist es bereits vorgekommen, dass sich Kinder- und Jugendliche an den/die Kidssprecher*in gewendet haben, um über Probleme oder Streitigkeiten mit Betreuer*innen oder Mitbewohner*innen zu sprechen. Der Vorteil für die Jungen und Mädchen besteht hierbei darin, dass sie nicht direkt selbst den Schritt der „Konfrontation“ wagen müssen, sondern jemanden an ihrer Seite haben, der ihre Anliegen und Interessen (bei Bedarf anonym) vertritt.

Ich habe ein Gespräch mit den Bewohner*innen geführt, um auch ihre Sicht auf das Kids Team zu berücksichtigen. Dabei stellte sich heraus, dass die Kinder- und Jugendlichen selbst die Themen, die im Kids Team angesprochen werden, zumeist eher als solche negativer Natur wahrnehmen, wenngleich ich explizit erwähnen möchte, dass auch positive Themen von Seiten der Mitarbeiter*innen durchaus erwünscht sind. Daraus resultiert auch, dass die Funktionalität des Kids Team häufig unterschiedlich eingeschätzt wird, also mal mehr und mal weniger bedeutend für einzelne oder die gesamte Gruppe ist.

So teilte mir ein Bewohner auf die Frage, wie wichtig das Kids Team für die Gruppe ist, folgendes mit: „Es gehört irgendwie dazu. Es ist mal eine Chance und mal eine Pflichtveranstaltung. Je nachdem, ob und was für ein Thema man ansprechen möchte.“

Typische Themen sehen die Jungen und Mädchen zum Beispiel in der Umsetzung von Sauberkeit seitens ihrer Mitbewohner*innen in Räumen wie dem Badezimmer, oder der Lautstärke der Musik, die gehört wird. Zwei Jungen gaben beispielsweise folgendes an: „Eigentlich sprechen wir oft Haare in der Dusche an. Das kommt oft vor und wird auch nicht wirklich besser.“

Klassische Themen sind außerdem solche, die den Kindern- und Jugendlichen entgegenkommen. Dazu gehören u. a. Fragen zur Einführung von WLAN für die Kids, eine verlängerte Ausgehzeit am Abend oder die Möglichkeit zur regelmäßigen Abmeldung vom Abendessen.

Besondere Vorbereitungen treffen die Bewohner*innen indes nicht regelmäßig. Laut eigenen Aussagen „merkt man sich einfach“, was gestört hat. Gelegentlich kann es allerdings vorkommen, dass größere Themen angesprochen werden sollen, die für die gesamte Gruppe von Bedeutung sind. In solchen Fällen würden Absprachen untereinander getroffen werden.

Wichtig im Sinne einer wertschätzenden Kommunikation mit den Kindern- und Jugendlichen ist auch, dass Anliegen, die nicht alleine unter den Bewohner*innen geklärt werden können, mit in die Mitarbeiterbesprechung (MAB) genommen werden. Hier wird konstant nach Anliegen aus dem Kids Team gefragt, die dann von den Pädagog*innen besprochen und im darauffolgenden Kids Team wieder an die Gruppe der Kinder- und Jugendlichen zurückgemeldet werden.

Auf Nachfrage berichteten die Bewohner*innen, dass sie sich in ihren Anliegen ernst genommen fühlen. Allem voran dann, so ein Jugendlicher, „wenn die Themen noch mal auf der MAB besprochen und nicht einfach abgelehnt werden“.


In diesem Kontext habe ich den Informationstransfer aus dem Kids Team in die MAB sowie entgegengesetzt angesprochen, um nach möglichen Veränderungen für das Kids Team zu fragen. Dabei wurden von mir konkrete Beispiele, wie ein regelmäßiger Austausch mit mehreren Mitarbeiter*innen zugleich oder eine „anonyme Pinnwand“ für Anliegen, die ein Kind oder Jugendlicher nicht vor der gesamten Gruppe benennen möchte, benannt.

Insgesamt war das Meinungsbild hier aber deutlich. Den Jungen und Mädchen gefällt der Rahmen des Kids Teams. Sie finden es gut, ihre Meinung äußern und Änderungen vorschlagen zu können. Lediglich eine Bewohnerin würde eine Verschiebung auf einen Wochentag begrüßen, „weil man am Wochenende ja auch mal was geplant haben kann“. Die Praxis zeigt allerdings, dass der Rahmen am Sonntagabend die größtmögliche Wahrscheinlichkeit darstellt, dass alle teilnehmen können.

Das beschriebene Beispiel für eine Austauschmöglichkeit mit mehreren Mitarbeiter*innen fand in einer ähnlichen Form auch bereits Anwendung. Einmal monatlich haben nach der Mitarbeiter*innenbesprechung alle pädagogischen Fachkräfte mit den Kindern- und Jugendlichen Mittag gegessen. Anschließend gab es für die Bewohner*innen und die Mitarbeiter*innen die Möglichkeit, noch einmal im großen Rahmen Anliegen zu thematisieren. Im Zuge der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen mussten diese Treffen allerdings vorerst beendet werden. Eine Neuaufnahme dieses Modells ist unter Beachtung der Pandemieentwicklung für die Sommerferien geplant.


Die Kinder und Jugendlichen sind insgesamt also zufrieden mit der Idee sowie der Ausgestaltung des Kids Teams. Aus pädagogischer Sicht ist die Durchführung eines solchen Angebots ebenfalls zu befürworten, da sie grundlegend Orientierungspunkt im Wochenablauf ist, Struktur vermittelt und darüber hinaus ein wichtiges Ventil ist, um sich anbahnende Konflikte durch rechtzeitige Kommunikation unterbinden zu können. Dabei ist es wichtig, dass stets eine Fachkraft das Kids Team begleitet. Im Falle eines Anliegens, welches sich konkret gegen eine einzelne Person richtet, kann so gegebenenfalls eingegriffen werden, wenn die Situation zu eskalieren droht.

Unterstrichen wird die Bedeutung einer pädagogischen Begleitung vor allem, wenn wir uns an der Wahrnehmung der Kinder- und Jugendlichen orientieren, die „eher negativ behaftete Themen“ ansprechen. Darüber hinaus setzt es ein wichtiges Zeichen in Bezug auf Wertschätzung und Achtung, wenn eine Wohngruppe ihre Adressat*innen in Prozesse einbindet und somit die Möglichkeit zur Partizipation herstellt. Insbesondere die Tatsache, dass die Kinder- und Jugendlichen dies selbst so wahrnehmen und reflektieren, zeigt, dass die Umsetzung eines solchen Angebots viel Positives hat.

Allerdings kann es auch zu Phasen kommen, in denen keine Themen angesprochen werden. Insbesondere in Zeiten von Ferien, in denen einige Jungen und Mädchen auf Heimfahrt sind und auch der Rest der Gruppe durch den Wegfall von schulischem Stress einen entspannteren Alltag genießt, kann dies der Fall sein. Sofern sich dies über einen längeren Zeitraum zieht, besteht die Gefahr, dass die Relevanz des Kids Teams für die Kinder- und Jugendlichen sinkt. Hier sind wir in der Praxis gefordert.

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