Das Muss

Die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist voller fachlicher und emotionaler Herausforderungen. Um diesen im Arbeitsalltag standhalten zu können, ist ein hohes Maß an Selbstreflexion und Abgrenzung erforderlich. Dabei hilft „von oben draufgucken“ durch interne und externe Supervision. Ein Plädoyer von Beate Ramm, Leiterin der Hilfestation Oldenburg der meracon gGmbH.


In der Betreuung und Beratung können den pädagogischen Fachkräften Lebensumstände und Schicksalsschläge begegnen, die sie so schnell nicht vergessen können. In der Betreuungsbeziehung mit Kindern und Jugendlichen vertrauen sich die Kinder ihren Betreuer*innen an und offenbaren die oft schwerwiegende physische und psychische Gewalt, die ihnen im häuslichen Umfeld angetan wurde.

Wie soll man dem jeweiligen Fall fachlich begegnen? Wie kann man die persönliche Betroffenheit verarbeiten? Supervision ist für uns Teil der Qualitätssicherung, sie verbessert die Arbeitsqualität, erweitert Handlungsspielräume, entwickelt die Teamarbeit und das Teambuilding, steigert die Mitarbeiter*innenzufriedenheit und trägt ihrer Gesunderhaltung bei.

Die betreuten Kinder und Jugendlichen haben oftmals kaum positive Erfahrungen mit ihren familiären Bezugspersonen gemacht. In der Folge entwickeln sie Überlebensstrategien, die uns dann als negative Verhaltensweisen herausfordern. Wird unser pädagogisches Beziehungsangebot über längere Zeit nicht angenommen oder aktiv abgewiesen – durch Kontaktvermeidung, aggressives oder zum Beispiel zynisches und nicht selten auch verächtliches, entwertendes und manipulatives Verhalten, wirkt sich dies belastend und auf Dauer zermürbend auf die pädagogischen Mitarbeiter*innen aus. Auch alte Häsinnen und Hasen fühlen sich in diesen Situationen mitunter ratlos. Die Kolleg*innen geraten in einen Konflikt: Es ist unser pädagogischer Auftrag, zu den Kindern und Jugendlichen eine positive Bindung aufzubauen. Sie ist die wichtigste Voraussetzung, um Entwicklungen anzustoßen und Veränderungen bewirken zu können. Aber manchmal will das nicht gelingen und die ganze Mühe scheint umsonst. Ein in immer wieder neuen Varianten wiederkehrendes Thema in der Supervision ist daher: Wie kann ich professionelle Nähe und Vertrauen herstellen und gleichzeitig genug Distanz wahren?

Damit dieser Balanceakt im pädagogischen Alltag gelingen kann, ist ein hohes Maß an Selbstreflexion und Abgrenzung erforderlich. Bei der meracon gGmbH gibt es dafür vielfältige Unterstützung:


Interne Fallsupervision. Hier werden Einzelfälle anhand aller vorliegenden Informationen beleuchtet und es werden neue pädagogische Strategien entwickelt.

Externe Teamsupervision. Hier werden Fälle und Teamprozesse besprochen.

Externe Leitungsteamsupervision. Hier werden mit kleineren Leitungsteams Fragestellungen in Zusammenhang mit der Leitungsrolle und andere Themen auf Teamleitungsebene reflektiert.

Nach Bedarf kann bei der Geschäftsleitung auch externe Einzelsupervision für die pädagogischen Kräfte und für die Teamleitungen erbeten werden.

Geht es um seelisch besonders belastende Erlebnisse, die vielleicht auch mit der eigenen Lebensgeschichte in Zusammenhang stehen, kann auch der psychologisch-therapeutische Dienst (PTD) der meracon gGmbH hinzugezogen werden.


Was passiert nun genau in der Supervision?

In der Supervision reflektieren wir unsere fachlichen Fragestellungen in einem herausfordernden Fall und lassen uns Anregungen für einen Perspektivenwechsel geben. Was will der Jugendliche mit seinem Verhalten bezwecken? In welchem Zusammenhang „hilft“ dieses Verhalten dem Jugendlichen? Lässt sich diese „Energie“ pädagogisch nutzen? Ein häufiges Ergebnis der Supervision ist, dass wir nicht zu wenig, sondern zu viel tun, zu viel erwarten oder uns zu stark engagieren. Da führt mitunter bei den Adressaten zu Widerstand und kann deshalb kontraproduktiv wirken. Warum empfinden wir Stress oder Druck? Welche Bewertungen und Interpretationen liegen dem zu Grunde? Passt der Auftrag des Jugendamtes noch zu den alltäglichen Realitäten in der Betreuung?

Im Zentrum steht ein/e Klient/in/ oder eine Familie, die ganz bewusst in den Fokus genommen und beleuchtet wird. Gemeinsam erarbeitet man mögliche Interventionen, diskutiert, verwirft, sucht neu – und das ohne auf den Prozess an sich achten zu müssen. Darauf achtet der/die Supervisor*in. Er/sie lenkt den Prozess, hält fest, wertet gemeinsam aus und fasst zusammen. Als nicht involvierte Person blickt er/sie neutral auf die Situation oder die Klienten. Er/sie wertet nicht, macht keine Vorschläge und bietet keine fertige Lösungen an, sondern hilft uns dabei, die Perspektive zu wechseln und Probleme unter verschiedenen Aspekten zu betrachten.

Die Lösung liegt dann nicht selten ganz woanders, als da, wo wir sie gesucht haben. Zum Beispiel darin, den Status Quo einfach hinzunehmen. Oder die Verantwortung, die uns drückt, an den Jugendlichen selbst zurückzugeben. Statt mehr zu arbeiten, mehr Pausen zu machen. Sich selbst nicht in Frage zu stellen, sondern wertzuschätzen. Mehr zuzulassen, dass Pädagogik immer auch ein bisschen Versuch und Irrtum ist und damit offen umzugehen.


Die Arbeit stellt aber nicht nur eine hohe Anforderung an die/den Einzelne/n, sondern auch an die Teams, welche die pädagogische Arbeit leisten. Da muss man sich auf die anderen verlassen können, Hand in Hand arbeiten und gemeinsam an einem Strang ziehen. Das spielt in den stationären Hilfen noch eine größere Rolle als bei den ambulanten Maßnahmen, denn es geht hier um ein familienähnliches Zusammenleben, was ja schon im Kleinen viel Kommunikation und Organisation erfordert.

Durch Schichtarbeit gibt es außer der täglichen Übergabe weniger Möglichkeiten, mit dem ganzen Team gut in Kontakt zu bleiben. Bei den ambulanten Hilfen hingegen sind die Mitarbeiter**innen zunächst einmal auf sich gestellt. Sie strukturieren ihren Arbeitsalltag mit den betreuten Jugendlichen und die Termine in der Familienhilfe selbst. In allen Bereichen gibt es natürlich regelmäßige Mitarbeiter*innenbesprechungen, welche die Möglichkeit bieten sich abzustimmen, gemeinsame Entscheidungen zu treffen, den Alltag zu strukturieren und zu organisieren. Das Team dient dabei auch als kollegiale Unterstützung. Diese Form der Arbeit erfordert eine Kultur der Offenheit und des guten Austauschs innerhalb des Teams und mit der Teamleitung. Auch diese Prozesse der kollegialen Beratung und der Kommunikationskultur innerhalb eines Team sowie die Selbstfürsorge gehören zu den Inhalten der externen Supervision.

Offenheit, Vertrauen und Kritikfähigkeit sind sowohl die Voraussetzung als auch gleichzeitig ein Ziel der Supervision. Dieses breite Support-Angebot wird von den Mitarbeiter*innen als Unterstützung und Bereicherung empfunden. Als positiv werden besonders auch die langfristigen persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten durch die Supervision wahrgenommen.



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